Eingefahrene Denkstrukturen

Gesprächsfetzen:

  • „Ach hab ich dir eigentlich schon erzählt, dass der Martin jetzt schwul ist!?“
  • „Ab 2016 gibt es dann eine gesetzliche Frauenquote in Top-Positionen.“
  • „Luise ist übrigens bei den Zeugen Jehovas.“

Gedanken:

Was sagt man über uns? Wir sind ein aufgeklärtes und tolerantes Volk. Wir streben nach Gleichberechtigung und Gerechtigkeit.

Da sitzt man in gemütlicher Runde zusammen und plötzlich bekommt man so einen Satz um die Ohren geschmissen. Und wie reagiert man? „Aha! Echt!?“ In solchen Momenten würde ich mich gern selbst kneifen. Hast du das gerade wirklich gesagt!? In der Tat, das hast du!

Warum tun wir das?

Natürlich, ist es kein Thema, wenn jemand dem gleichen Geschlecht verfallen ist und es stört uns auch nicht, wenn jemand einen anderen Glauben hat. Und trotzdem reagieren wir immer wieder überrascht, wenn wir hören, dass eine Frau einen wichtigen Posten in einer Firma besetzt hat und müssen womöglich noch ausdiskutieren, wie sie es dorthin geschafft hat.

Das sollte doch in einer aufgeklärten Welt nicht der Fall sein.

Wir sagen, dass solche Dinge oder Gegebenheiten keine Rolle spielen und trotzdem reagieren wir darauf. Bewusst oder unbewusst tut das wohl jeder. Und das ist der Punkt an dem ich mich über mich selbst ärgere. Im Prinzip sollte es völlig unerheblich sein, weil es überhaupt nichts über die Menschen aussagt. Es sagt nichts über das aus, was an einem Menschen wirklich wichtig ist. Nichts darüber, ob er mir sympathisch sein könne oder wir vielleicht sie selben Interessen haben.

Wenn man sich Umfragen anschaut, in denen gefragt wird, was dem Menschen an anderen am wichtigsten ist, bekommt man eine klare Antwort: Der Charakter! Die Sympathie!

Nichts anderes scheint so aussagekräftig zu sein. Das ist die Antwort, die wir gern hören wollen. Das ist die Antwort, die wir erwarten und es ist die Antwort, die im Lehrbuch unter „Richtig“ steht.

Ich möchte betonen, dass ich nicht an dieser Antwort zweifle. Ich zweifle nur daran, dass wir tatsächlich so tolerant und aufgeschlossen sind, wie wir uns gern darstellen.

Ein bisschen muss ich dabei immer an eine Stelle aus einem Buch denken, welches die meisten wohl zur Genüge kennen.

Bild

Antoine de Saint-Exupéry – Der Kleine Prinz

„Wenn ihr ihnen von einem neuen Freund erzählt, befragen sie euch nie über das Wesentliche.

Sie fragen euch nie: Wie ist der Klang seiner Stimme? Welche Spiele liebt er am meisten? Sammelt er Schmetterlinge?
Sie fragen euch. Wie alt ist er? Wieviel Brüder hat er? Wieviel wiegt er? Wieviel verdient sein Vater? Dann erst glauben sie ihn zu kennen.“

Und sind wir nicht alle ein bisschen wie die großen Leute und stürzen uns unbewusst wie ein Klatschreporter der Bild-Zeitung auf alles Unwesentliche und versuchen aus diesen Tatsachen dann irgendwelche Rückschlüsse zu ziehen!?

Ich wüsste gern, wie man es schafft, seinem Kopf beizubringen, nicht außergewöhnlich auf im Prinzip uninteressante und gewöhnliche Dinge zu reagieren. Einfach aus den gewohnten Mustern des Denkens ausbrechen und nicht mehr das Klischee seiner Umwelt erfüllen.

Ich denke, dafür ist ein bisschen Übung nötig… was denkt ihr?

Alles Liebe, eure Hexe vom Dach!

 

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Eine Antwort

  1. interessante Sache: Wenn man von einem freund erzählt, würde man niemals hinzufügen „er/sie ist heterosexuell“ – wenn überhaupt, dann „er/sie ist vergeben“ und das auch nur, um niemanden auf Gedanken zu bringen. Wenn die Person aber homosexuell ist, dann ist es eine der ersten Informationen, die mitgeteilt wird. Sehr seltsam.

    Ich denke auch, dass das eigentlich nicht der Fall sein sollte, auf solche Alleinstellungsmerkmale (wenn es denn welche sind) hinzuweisen. Aber der Mensch definiert sich tatsächlich über das „Fremde“, das gehört zu seiner Identitätsbildung (wer bin ich, was ist an anderen anders, was haben wir gemeinsam). Genau wie Vorurteile ein Mechanismus des Gehirns sind, um Informationen zu filtern und in Schubladen zu packen. Das wichtigste ist dabei, denke ich, dass wir uns der Schubladen des Hirns bewusst werden und sie hinterfragen. Denn dass das Gehirn zur besseren Strukturierung Dinge kategorisiert, das können wir nicht verhindern. Aber wir können die Kategorien verfeinern und Netzwerke bilden. So ist z.B. mein ehemaliger Chef (lassen wir es mal so anonym) für mich in erster Linie nicht schwul (obwohl das natürlich auch einen beträchtlichen Teil seiner Art ausmacht – und somit auch seinen Charakters, seine Meinungen und Taten, und seinen Freundeskreis beeinflusst), aber in erster Linie ist er für mich ein sehr schlauer Workaholic, der stets gegen Windmühlen ankämpft und den ich dafür sehr bewundere. Ich denke, er kann beides sein und vieles mehr.

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