Im Fieber

Ich weiß, ich weiß, in Zeiten wie diesen gehört es sich nicht, kein Fußballfan zu sein. Es läuft die Fußball-WM, Deutschland steht im Finale und selbst Leute, die noch nie einen Fußball in den Händen hatten und keine Ahnung von Abseits haben, springen auf die schwarz-rot-goldene Fan-Welle. Als Außenseiter gilt, wer nicht laut jubelt, wenn er ein neues Fan-Video sieht oder nicht weiß, was ein gewisser Herr Klose für einen Weltrekord aufgestellt hat. Es gibt tatsächlich Menschen, denen das alles vollkommen egal ist und ich gehöre wohl dazu. Sobald die ersten Deutschlandfahnen am Auto vor mir wild im Fahrtwind flattern, ist es für mich Zeit, wieder schreiend im Kreis zu laufen.

Man hört Nachrichten, in denen dazu aufgefordert wird, doch Rücksicht zu nehmen, wenn Arbeitnehmer am Tag nach einem Spiel zu spät zur Arbeit kommen oder noch total verschlafen sind und Stimmen werden laut, ob man nicht den Unterricht später starten könne, weil doch die Kinder auch das Spiel sehen wollen.

Entschuldigung!? Jetzt möchten wir einmal alle ganz kurz zurückspulen und nochmal darüber nachdenken, was wir sagen wollten. Ernsthaft!?

Ich möchte hier nur ganz kurz zusammenfassen: Wir reden gerade über Fußball. Genauer gesagt über ein Spiel. Ein Spiel, was laut Definition eine Tätigkeit ist, die zum Vergnügen ausgeübt wird. Und seit wann wird in Deutschland eine Leistungseinschränkung wegen vorangegangenem Vergnügen geduldet? Wie meine Oma schon immer zu ihren Kindern zu sagen pflegte: Wer abends lange feiern kann, der kann auch morgens früh aufstehen!

Nachdem ich, trotz meiner Abneigung, zum Fußballschauen – und ja, ich kenne die Regeln – genötigt wurde, habe ich vor allem über die Reaktionen des Publikums gestaunt. Alles begann ausgelassen und freundschaftlich. Ein wirklich gelungener Start, muss ich sagen und alle sahen so fröhlich und ausgelassen aus. Ein hin und her Gerenne auf dem Feld, wie man es sich vorstellt. Nach dem ersten Tor war noch alles halbwegs gut, nach dem zweiten schlug die Stimmung um und es wurde nicht besser. Man sah traurige Gesichter, weinende Kinder und zerbrochene Träume. Es gab keine lauten Sprechchöre mehr um die Mannschaft anzufeuern, nur noch den Jubel der gegnerischen Fans, die in sehr viel kleinerer Zahl angereist waren. In der Halbzeit verließen bereits einige das Stadion und am Ende wurden Spieler ausgepfiffen.

Wo andere in Deutschland jubelten, fand ich das Spiel sehr traurig. Es war nur ein Spiel. Nichts, was die Menschheit im Wesentlichen beeinflusst und nur etwas, das Vergnügen und Ablenkung bringen sollte. Natürlich möchten die meisten Ihre Lieblingsmannschaft gewinnen sehen, doch wie kann man so schnell den Mut verlieren und so tun, als würde die Welt untergehen?

Wenn ich in diesem Stadion gestanden hätte, Fußball mein Leben wäre, meine Mannschaft so weit gekommen wäre und gerade ein Tor nach dem anderen fressen würde, dann hätte ich gesungen und gerufen, was meine Stimme hergegeben hätte. Ich hätte meiner Mannschaft gezeigt, dass sie super ist und dass ich noch da bin. Ich hätte ihr zugerufen, dass ich Mut genug für sie und mich habe, dass sie nicht aufgeben sollen. Mit Sicherheit wäre ich nicht glücklich gewesen, aber ich hätte gesehen, dass sie nicht schlecht gespielt haben. Ich wäre da gewesen!

Ein Fan hat es immer einfach. Er sieht alles aus der Vogelperspektive, weiß genau, in welcher Richtung alles frei ist und wohin der Ball rollen muss. Nichts ist einfacher als Fan zu sein, denn als Fan weiß man alles besser und sieht jeden Fehler ganz genau. Und vor allem muss man nicht selbst da unten rumrennen. Ein Fan schaltet den Fernseher ab, wenn er die Nase voll hat. Ein Fan geht einfach nach Hause, wenn er endtäuscht ist.

Und der Spieler? Die Spieler, die den Mist verzapft haben, müssen bleiben und sich abschießen lassen. Ihnen sieht das ganze Land zu und sie wissen mit jeder Faser, dass keiner mehr an sie glaubt. Sie müssen durchhalten und bis zum Schluss bleiben. Für sie gibt es kein frühzeitiges Abschalten oder Heimgehen. Und anschließend erwartet sie das Schlimmste überhaupt: Ein Reporter, der fragt, was auf dem Feld passiert ist. Ernsthaft!? Hat der Mann das Spiel nicht gesehen? Was soll die Frage und welche Antwort erwartet er!? „Die Nudeln vom Mittag lagen uns zu schwer im Magen.“? „Unsere Schuhe hatten einfach die falsche Farbe.“?

Wie auch immer.

Ich finde es gut, wenn Menschen sich so für etwas begeistern können und mit ganzen Herzen dabei sind, aber lasst uns doch nicht immer so maßlos sein. Natürlich kann so ein Spiel mitreißend sein, aber es bleibt immer noch ein Spiel und eine Woche später wird kaum noch einer darüber berichten. Erst in 4 Jahren geht das Ganze dann wieder von vorn los und die Schmach von Achtzehnhundertschießmichtod und das Wunder von Weißnichtwo werden wieder ausgepackt und entstaubt.

Wir werden in keinem Geschichtsbuch etwas über Fußball lesen. Doch alle 4 Jahre wieder steuern wir auf dieses scheinbar wichtigste Ereignis unser aller Leben zu und sind gespannt, wer diesmal weinend das Feld verlässt.

Ich verstehe es nicht.

 

Alles Liebe, eure Hexe von Dach!

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  1. Habe mich auch manchmal geschämt, dass ich nur ein einziges Spiel gesehen habe und das auch nur, weil ich mich mit Freunden getroffen habe. Ich finde es erstaunlich, wer sich plötzlich alles ein Fähnchen ans Auto hängt und mit Händen und Füßen fachsimpelt, ansonsten aber das ganze Jahr über kein Fußball schaut. Das schweißt die Leute halt plötzlich zusammen. Nur schade, dass der Kampf für die Bildungspolitik oder gegen Kriminalität oder für mehr Gerechtigkeit die Menschen nicht so sehr erheben und zusammenbringen kann, wie ein paar Fußballspiele.

    P.S.: „Wenn ich in diesem Stadion gestanden hätte, Fußball mein Leben wäre, meine Mannschaft so weit gekommen wäre und gerade ein Tor nach dem anderen fressen würde, dann hätte ich gesungen und gerufen, was meine Stimme hergegeben hätte. Ich hätte meiner Mannschaft gezeigt, dass sie super ist und dass ich noch da bin. Ich hätte ihr zugerufen, dass ich Mut genug für sie und mich habe, dass sie nicht aufgeben sollen.“ –>so süß“ Ich liebe deine Kämpfernatur. Du bist eine von denjeinigen, die in einem der tollen hollywood-Blockbuster auch bis zum Ende ausharrt und kämpft und von der der Zuschauer dann auch erwartet, dass sie gefälligst auch dafür belohnt werden soll. Und so soll es auch sein!

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